Sanfte Medizin für harte Burschen

Ende des 15. Jahrhunderts sinnierte Leonardo Da Vinci in seinen anatomischen Studien 'über den Penis: dieser streitet sich mit dem menschlichen Intellekt, hat manchmal sogar selber einen Intellekt, und obwohl der Mann ihn stimulieren will, bleibt der Penis hartnäckig und geht seine eigenen Wege.' 

Auf allen Kontinenten disputieren Ärzte seit Jahrtausenden über diesen widerwilligen Intellekt.
Um die physischen Ursachen zu bekämpfen, verschrieben Indiens Ärzte 'honiggesüsste Milch, in der die Hoden eines Widders oder Ziegenbocks gekocht wurden.' Damit werde der Mann so kräftig wie ein Bulle. (aus: Kama Sutra, ca. 700 v. Chr.)

In Konstantinopel empfahl der Arzt Aetius im sechsten Jahrhundert neben schwellenden und wärmenden Nahrungsmitteln, dass 'sie [...] sowohl ihre Leisten als auch ihr Glied mit in Öl verriebenem Pfeffer und Wolfsmilch' massieren sollten. Der österreichische Arzt Otto Lederer bekämpfte in der Vorkriegszeit des 20. Jahrhunderts ebenfalls die physiologischen Ursachen der Impotenz. Mithilfe einer Saugglocke erigierte er das Glied und befestigte an der Peniswurzel einen Gummiring, um die Erektion beizubehalten.
Anders verstand sein Zeitgenosse Sigmund Freud die Impotenz. Sie sei 'eine Störung der Liebesfähigkeit des Mannes [welche dieser überwindet, wenn er sich] mit der Vorstellung des Inzests mit Mutter oder Schwester befreundet hat.'

Ebenso fokussierten sich die Ärzte im Alten Ägypten (ca. 3000 v. Chr.) auf die psychischen Ursachen dieser Störung. In mythologische Symbole aus Teig ritzten sie den Namen des Feindes ein, welcher die Impotenz verschuldet hatte. Anschliessend hüllten sie den Teig in fettes Fleisch und verfütterten ihn einer Katze.
In China erzählte im 17. Jahrhundert der Schriftsteller Pu Songling, wie Geistwesen dem impotenten Liän schwarze Pillen verabreichten. Daraufhin fühlte jener 'unterhalb des Nabels heissen Dampf in sich eindringen und merkte, dass sich da zwischen den Schenkeln etwas bewegte.'

Ähnlich behandelte ich vor 15 Jahren einen Patienten. Da lediglich seine Zunge geschwollen und feucht war, erhitzte ich seine Nieren mit rauchenden Nadeln. Die Erektion allerdings blieb weiterhin aus und bald auch der Patient. Kürzlich kehrte er, jetzt bereits pensioniert, in meine Praxis zurück. Diesmal beklagte er sich über die Beziehung zu seiner Frau. Seine Erektion allerdings habe er zurückgewonnen. Auf mein verdutztes Gesicht hin ergänzte er: "Ich habe nun einen Freund!"

Von Lokomotiven und Akupunkteurinnen

"Männer arbeiten an der Lok, Frauen betreuen die Passagiere", erzählte mir ein sibirischer Kollege im Zug unterwegs von Moskau nach Peking. Betrachten wir den Körper als Lokomotive und den Geist als Passagier, stimmt dies ebenfalls in der Medizin. Die Männer dominieren mit 59% die Schulmedizin, die Frauen die Alternative Medizin. 75% sind Akupunkteurinnen, 79% Homöopathinnen. Natürlich arbeiten wir in der Akupunktur ebenfalls am Körper, jedoch, ähnlich den Schaffnerinnen, indem wir die Gänge passierbar halten.

Die Lokführer zudem sind häufiger Männer, Lernende häufiger Frauen. Die TCM-Schule in Winterthur besuchten in den letzten Jahren 85% Studentinnen. Ebenso in Pekings Schule für Akupunktur und Tuina überwiegen mit 70% die Schülerinnen. Dabei sind die Dozenten häufiger männlich. Berufe wie Lokführer, Dozent und Arzt sind prestigeträchtiger, was für Männer wichtiger erscheint. Tatsächlich verschiebt sich die Zahl der Schulmediziner, welche mit Chinesischer Medizin arbeiten: 57% sind Männer.

Die Frauen wiederum stellen die grössere Zahl der Passagiere in unseren Praxen. Im Jahr 2012 zog es 6.6% aller Schweizerinnen und 3.2% aller Schweizer in die Akupunktur. Im selben Jahr dagegen suchten 69% der weiblichen und 63% der männlichen Gesamtbevölkerung mindestens einmal den Schulmediziner auf. Dieser Unterschied ist vernachlässigbar. Ist die TCM also eine Frauenmedizin?

Tatsächlich hilft die TCM gut bei gynäkologischen Beschwerden. Schmerzen allerdings verspüren auch Männer. Der Ruf der Akupunktur als sanfte Medizin zieht jedoch mehr Frauen an. Während Männer ihre Schmerzen gerne verdrängen, gehen die Frauen der Ursache häufiger auf den Grund. Das Gespräch und der Wohlfühleffekt sind in unseren Praxen wichtig. Allzu oft verkommen sie jedoch zu einem Chinesischen Wohlfühltempel. Im Hintergrund säuselt Musik, Düfte schweben über den Klientinnen und Spiritualität liegt in der Luft. Eine nüchternere Ambiente spricht mehr Männer an.

Angekommen in Peking fiel mir im TCM-Spital auf, dass ebenso viele Männer wie Frauen die Betten belegen. Von Spiritualität ist dort nichts zu spüren. Schmerzensschreie, ausgelöst durch starke Nadelstimulationen, hallten nicht selten durch die Gänge.

Bei den Schulmediziner scheint sich langsam ein Wechsel anzubahnen. Im Frühjahr 2017 waren in Zürich 57% der Studierenden der Medizinischen Fakultät weiblich. Bleibt zu hoffen, dass auch mehr Männer sich der TCM widmen. Die Schaffner, welche uns im Zug von Ulan Bator nach Peking betreuten, waren ausschliesslich Männer.